Die leuchtende Nase

oder wo ist die Kaiserstühler Gesichtsrose geblieben.

Als ich noch Lehrling war, war es normal das die alten Kellermeister zumindest Rötliche, oft aber doch Tiefrote von kleinen blauen Äderchen durchzogenen Nasen hatten. Die Nasen waren aber nicht einfach rot, nein auf Ihnen spiegelten sich regelrechte Landkarten wieder. An der Spitze leuchtend und glänzend rot, wie ein Feuerwehrauto, die Nasenflügel nach außen hin immer bläulicher werdend, schließlich in feinsten Äderchen endend, die ihrerseits wieder von Blau nach rot und umgekehrt wechselten. Das ist sie, die echte Kaiserstühler Gesichtsrose. Bei uns im Keller nannte man dieses Phänomen jedenfalls so, ich hab keine Ahnung warum, aber so hab ich es halt gelernt, darum ist bei mir eine rote Nase bis zum heutigen Tage eine Kaiserstühler Gesichtsrose. Ich fürchte nun schon seit einigen Jahren das diese schönste aller Rosen ausstirbt. Denke man nur an die Poster der Weinwerbung der 60er, 70er und sogar noch in den 80er Jahren. Abgebildet waren große Männer, mit mächtigen Bäuchen, stets gekleidet in Küferbluse und Lederschürze, aber das auffälligste war stets die zarte rote Blume inmitten der Gesichter dieser Männer. Diese Nasen erzählten von hunderten, nein tausenden Degustationen die sie erlebten. Mit jedem Einsenken dieses Organes in ein Weinglas, verwandelte sich die Farbe, mal wurde sie blasser, mal dunkler. Ein anderes Mal treten die Äderchen verstärkt in Aktion, als ob sie die empfindliche Haut der Nase kühlen, um ihr die schwere Arbeit zu erleichtern. Nach langen Herbsttagen oder Weinproben neigte die typische Kaiserstühler Gesichtsrose stets dazu, sich mehr in das Bläuliche als ins Rötliche zu verfärben. Leider kann ich dies nicht wissenschaftlich untermauern, aber ich bin mir sicher, dass genau dieses Detail der Verfärbung, diese Gesichtsrose von der ordinären Säufernase unterscheidet. Die Säufernase kann nur eines, Alkohol wahrnehmen, egal, in welcher Form, dann Signale an die entsprechenden Stellen senden, um den Alkohol schnell den Schlund hinunterlaufen zu lassen. Die Säufernase ist stets nur knallig rot, stets triefend und schniefend, nicht in der Lage die Feinheiten der Umgebung wahrzunehmen. Sie ist das Organ eines Rohlings, der dem Alkohol frönt ohne jeden Genuss. Nein, diese Nase hat im Weinkeller nichts verloren. Ist mir im tiefsten Keller ein Fass übergelaufen, hat es die Gesichtsrose meines Kellermeisters erfasst. Lügen war zwecklos, die Gesichtsrose hat unerbittlich gerochen, was geschehen ist. Selbst Tage später, für normale Menschen nicht wahrnehmbar, hat die Kaiserstühler Gesichtsrose meines Kellermeisters genau gewusst, wo, was und wann verschüttet oder umgepumpt wurde. War es für mich nur der Geruch nach Wein im Keller, war es für die Gesichtsrose ein Gemisch aus Riesling, Kerner und Spätburgunder. Ohne den Keller zu betreten, hat die Kaiserstühler Gesichtsrose immer gewusst, was gerade im Allerheiligsten passierte. Nein, dieses Organ kann nichts mit einer Säufernase zu tun haben, dafür reagiert sie zu sensibel und zu fein. Wo ist sie geblieben, diese durch Wein genährte Pflanze des Genusses. Jahrzehntelang war sie Sinnbild zum einen für den Genießer, den Fachmann, ein leuchtendes Zeichen der Kompetenz. Trafen sich mehrere Gesichtsrosen zur Weinprobe, war es ein Ritual der besonderen Art, wenn sie im Kreise saßen und sich ohne Kommando alle Nasen gleichzeitig tief in das Glas senkten, um das zu erfassen, was nur eine Gesichtsrose erfassen kann, den sie riecht nicht nur, nein die Kaiserstühler Gesichtsrose ist in der Lage den Wein zu fühlen. Vielleicht kommt sie ja irgendwann wieder in Mode, die Kaiserstühler Gesichtsrose. Ich hab keine, bekomm ich eine, werde ich sie mit Stolz durch den Keller tragen, als Zeichen der Kompetenz und Erfahrung.

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