Kellerregeln – Kellerrecht

Die Zeiten ändern sich.

Dieser Beitrag scheint älter als 12 Jahre zu sein – eine lange Zeit im Internet. Der Inhalt ist vielleicht veraltet.

Kellermeister früherer Tage waren die alleinige Autorität in ihrem Weinkeller. Ausdruck ihrer Macht und Befugnisse waren die Kellerregeln, die früher an jedem Kellereingang für jeden deutlich sichtbar hingen.
So war im Weinkeller zu Salem zu lesen wie folgt:

Der Leser den wir hier nach Standsgebühr verehren
Erkenne, dass wir ihn durch diese Schrift belehren,
Was Kellerordnung sey, und was das Recht für Dinge,
Die jeder halten muss, in Kürze mit sich bringe.
Damit man sich in nichts so wider dies vergehe,
und aller Strafe frey, mit Ruhm und Ehr bestehe.

Wird dann ein guter Freund in Keller eingeführet.
So wird sogleich der Hut gerücket und gerühret,
So Er sich eines Stocks bediente auf den Gassen.
Soll Er denselben draussen stehen lassen.
Er klopft an keinem Fass, so lang es Weine haltet,
Wenn es noch föllig neu, wenn es auch ganz veraltet.

Er untersteh sich nicht im Mindesten zu schmähen
Und frey nach seinem Sinn umher zu gehen.
Vorzüglich hüt er sich, die Hahnen umzureiben.
Das Spassen geht nicht an, noch arges Possen treiben,
Was wüste Reden sind, die müssen ferne weichen,
Da sie der Kieferzunft zu Hohn und Spott gereichen.

Hat sich etwa der Gast in einem Stück vergangen
Und sollt er nach dem Recht die Straf empfangen,
So soll man sich bei Leib nicht drüber lustig machen
Und seinen guten Freund im Unglücksstand belachen.
Wenn man der gnädgen Herren Namen höret,
Wird er mit fryem Hut und tief gebeugt verehret.

Der Kiefer wird demnach soviel Politik haben,
Und seinen werthen Gast mit einem Glas laben.
Besonders ist beim Trunk diess einzig noch zu melden,
Fürs erste mal soll es für Hohe Herrschaft gelten,
Hernach soll es zum Flor des Gotteshaus geschehen
Und dann so weiter fort auf andre Freunde gehen.

Er wird die Kühne That mit eigner Schande büssen,
Der Kiefer wird ihn froh, mit Bastonaten grüssen
Den ersten Streich der er der Frevelnde waren,
Wird auch der Herrschaft Recht und Ehre wahren.
Der zweite Wird versetzt für Meister und für Knechte
Der dritte endlich ist zum Schutz der Kellerrechte.

Ist selbiges wie hier geschehen,
So wird gleich jedem Freund ein Trunk gegeben
Was übriges zu thun darf man nicht lange fragen
Die feinere Vernunft wird einem jeden sagen,
Unterziehe dich den Regeln und dem Kellerrecht
Damit Du geachtet bleibst vom Meister und dem Knecht!

Da ist bis zum heutigen Tage einiges Wahre dran. Auch moderne Winzer und Kellermeister können es nicht leiden wenn an ihren Fässern und Tanks rumgeklopft und geschraubt wird. Ebenfalls allergisch reagiert die Zunft, wenn Leute enfach so durch den Keller spazieren und fröhlich umherwandeln. Allerdings gibt das kellerrecht auch genügend Rechtfertigung für so manches Trinkgelage, denn bis alle hohen Herren und die Kirche mit einem Trunk geehrt worden sind, dürfte so mancher Liter Wein seinen Weg aus dem Fass in den Schlund gefunden haben.

Das Salemer Kellerrecht und andere Kellerregeln können in einem Artikel Vom Kellerrecht (pdf) von Ruedi Schneider nachgelesen werden.

Salem ist ein echter Fundus an Weinhistorie, den hoffentlich irgendwann einmal ein Institut oder ein Forscher bergen wird und so der Öffentlichkeit zugänglich macht. So gibt es Beispielsweise auch detaillierte Berichte darüber, wie sich die Torkelmeister bei Ihrer Arbeit zu verhalten hatten. Auch das Salemer Straffass wäre einmal einen ausführlicheren Bericht wert, denn wann und wer sich alles über das Fass beugen mußte um seine Strafe zu empfangen habe ich leider keine Informatioenen gefunden. Offensichtlich stammt das Straffass aus der gleichen Zeit wie die obigen Kellerregeln und stehen damit in direktem Zusammenhang.
Über die Torkel und ihre Funktionsweise werde ich sicherlich irgendwann einmal mein kärgliches Wissen darüber im Winzerblog wiedergeben.

1 Comment

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One Response to Kellerregeln – Kellerrecht

  1. Liebe Leser,
    historische Texte sind manchmal wirklich großartig und nicht frei von unfreiwilliger Komik. Ein gutes Beispiel dafür ist folgende Perle, viel Spaß beim Lesen 🙂

    Gesetz, Maßregeln gegen die Reblauskrankheit betreffend
    Vom 6. März 1875

    Wir, Wilhelm von Gottes Gnaden deutscher Kaiser, König von Preußen verordnen im Namen des deutschen Reichs, nach erfolgter Zustimmung des Bundesrats und des Reichstags, was folgt:

    §1
    Der Reichskanzler ist ermächtigt:1. Ermittlungen innerhalb des Weinbaugebietes über das Auftreten der Reblaus anzustellen.
    2. Untersuchungen über Mittel zur Vertilgung des Insekts anzuordnen.

    §2
    Der Anbau aller in Amerika heimischen Reben oder von Kreuzungsprodukten solcher Reben untereinander, oder mit anderen Rebarten ist verboten.

    §3Anweisung für die bei den Reblausbekämpfungsarbeiten in der Rheinprovinz beschäftigten Sachverständigen.

    §3a
    Die Frühstückspause dauert von 9 Uhr 30 Minuten bis 10 Uhr, am Sonnabend beginnt und schließt sie eine halbe Stunde früher. An diesem Tage tritt um 12 Uhr eine weitere Pause von 10 Minuten ein; ebenso kann an besonders heißen Tagen nachmittags eine Pause von 10 Minuten vom Leiter bewilligt werden. Bei Auswahl der Frühstücksplätze ist darauf zu achten, daß durch das Sitzen und Lagern kein Schaden angerichtet wird. Speisereste dürfen nicht liegengelassen werden.

    §3b
    Der Leiter hat dafür Sorge zu tragen, daß zwischen den Mitgliedern der Abteilung und den Arbeitern keine zu große Vertraulichkeit entsteht.

    §3c
    Der Leiter hat geringe Vergehen oder Versäumnisse der Abteilungsmitglieder in angemessener Weise zu rügen. Ein Mitglied der Abteilung, daß sich offener Widersetzlichkeit schuldig macht oder betrunken zum Dienst erscheint, kann von dem Leiter sofort von der weiteren Teilnahme an den Arbeiten für den betreffenden Tag ausgeschlossen werden.

    §3d
    Den Sachverständigen ist untersagt, während der Arbeitszeit Tabak zu rauchen und sich in unnötiger Weise zu unterhalten.

    §3e
    Den Sachverständigen ist es verboten, sich während der Arbeit zu setzen.

    §3f
    Bei Auffindung einer Reblausverseuchung ist jede unnütze Aufregung zu vermeiden.

    §3g
    Außer der sofort abzusendenden telegraphischen Nachricht hat der Leiter noch am gleichen Tag dem Oberleiter schriftlich zu berichten.

    §3h
    Die Herdwächter sollen von den Leitern unter Mitwirkung der Abteilungsmitglieder – von Zeit zu Zeit auch des Nachts – unvermutet beaufsichtigt werden.

    §3i
    Zur Verrichtung der Notdurft ist an geeigneter Stelle innerhalb des Herdes ein einfacher, dem Anstand entsprechender Abort herzurichten.

    §3k
    Der Laufbursche hat sich stets außerhalb der Herdgrenzen aufzuhalten

    §3l
    Die verseucht befundenen Stöcke sind auf irgend eine Weise kenntlich zu machen und zwar möglichst so, daß dies von Unbeteiligten von außerhalb des Weinbergs nicht zu bemerken ist..

    §3m
    Für die Wache ist eine einfache Bretterbude außerhalb der Herdumzäunung herzurichten und zwar tunlichst an einer leicht zugänglichen Stelle, welche zudem eine gute Rundsicht gestattet..

    §4
    Die von dem Reichskanzler mit diesen Ermittlungen und Untersuchungen betrauten Organe sind befugt, auch ohne Einwilligung des Verfügungsberechtigten den Zugang zu jedem mit Weinreben bepflannzten Grundstück in Anspruch zu nehmen, die Entwurzelung einer dem Zwecke entsprechenden Anzahl von Rebstöcken zu bewirken und die entwurzelten Rebstöcke, sofern sie mit der Reblaus behaftet sind, an Ort und Stelle zu vernichten.

    Urkundlich unter Unserer Höchsteigenhändigen Unterschrift und beigedrucktem kaiserlichen Insiegel.

    Gegeben Berlin, den 6. März 1875

    Wer Interesse an mehr Geschichten zum Thema Wein hat, sei herzlich eingeladen, auf meiner Homepage http://www.o-ton-produktion.de sich die CD “Weinlesen-Eine literarische Reise durch die Welt der Weine“ anzusehen.
    Die Texte sind von Hermann Hesse, Kurt Tucholsky, Chandra Kurt uvm. Es gibt natürlich auch eine Hörprobe. Sollte jemand noch gute Geschichten zum Thema Wein haben- ich bin für jeden Hinweis dankbar.
    Herliche Grüße
    F. Smesny