Notizen zur Weinprobe

Die Zeiten ändern sich.

Dieser Beitrag scheint älter als 10 Jahre zu sein – eine lange Zeit im Internet. Der Inhalt ist vielleicht veraltet.

Ich war Gestern Gast einer großen Spätburgunder Weinprobe bei der Weine der deutschen Rotweinelite zugegen waren. Wobei die „Elite“ in diesem Fall weitestgehend über den Preis definiert wurde.
Nach Durchsicht meiner Verkostungsnotizen, möchte ich einige Punkte zur Diskussion stellen.

  • 2 von 7 Spätburgunder hatten eine für Spätburgunder untypische Farbe, was aber nicht bemängelt wurde.
  • 1 Spätburgunder hatte einen deutlichen Böckser. Dieser Wein wurde uns als einer von Deutschlands 50 besten Spätburgunder präsentiert.
  • Alle Spitzenburgunder waren im Barrique ausgebaut, wenngleich einer davon nicht als solcher deklariert war. Warum macht einer einen Barriquewein um es nicht als solchen zu deklarieren? War es gar kein Barrique?
  • Von 30 Flaschen waren 30 mit Naturkork verschlossen. Eine Flasche davon hatte einen Korkton.
  • 2 Weine trugen die Bezeichnung „S“, keine der anwesenden Personen konnte erklären was damit gemeint sein könnte. Gleiches kann für andere Buchstaben und Buchstabenkombinationen gesagt werden.
  • 4 Weine wurden auf dem Etikett als unfiltriert gekennzeichnet was die Verkoster allerdings kaum zur Kenntnis nahmen.
  • Nach meinem Geschmack waren 2 der vorgestellten Weine Grandios und fantastische Spätburgunder.
  • Junge Superstars der Weinszene glänzen mit Modernität und viel Kuschelpotential, die alten mit Tradition und Typizität. Für meinen Geschmack haben die Alten gewonnen, aber die sind ja auch schon etabliert.

Mein Schnellfazit ohne langes Überlegen:
Einige Winzer und Kellermeister haben mit dem Kanister Gummi Arabicum wohl auch ihr Berufsethos ausgekippt und sich eine neues gebastelt.
Es könnte aber auch sein das es so etwas wie ein Berufsethos nie gab und schon immer gemacht wurde was erlaubt ist und was die Technik hergibt. Vermutlich war das vor 100 Jahren genau so wie heute. Fakt ist, es wird konzentriert, gechipt, und viel zu oft schmeckt das Gummi Arabicum deutlich durch. Schade, denn einige der Weine hätten es gar nicht nötig gehabt.
Ich denke es wird spannend die nächsten Jahre, denn diese Ultramodernen Weine sind vom feinsten! In wie weit kann sich ein gebietstypischer klassisch produzierter Spätburgunder dagegen noch durchsetzen? Was passiert wenn der Konsument so weit konditioniert wurde das er unmaskierte Gerbstoffe als abartig empfindet und nur noch kuscheln möchte?

8 Comments

Filed under Alltag im Weingut

8 Responses to Notizen zur Weinprobe

  1. International ist es nicht üblich Barrique auf dem Etikett anzuführen. Auch in Österreich immer weniger. Finde es daher interessant, dass 29 Erzeuger Barrique am Etikett anführen.

    Christoph

  2. Ja ist auch logisch, wenn ich einen Bordeauxwein kaufe weiß ich auch ziemlich genau was für ein Geschmacksbild mich erwartet. Aber bei Deutschem Rotwein ist der Barriqueausbau wahrlich nicht die Regel, eher die Ausnahme. Man muß also davon ausgehen das Otto Normalverbraucher wenn er einen solchen Wein vor sich hat, davon ausgeht das er NICHT im Barrique gelagert wurde. Nach dem öffnen ist die Überraschung garantiert 😉
    Oder der Winzer setzt einfach voraus das man seine Stilistik kennt, so wird es wohl sein. Das allerdings können sich meiner Meinung nur sehr wenige erlauben 🙂
    Eine andere Variante wäre die, das der Winzer Exportorientert arbeitet.

  3. Das klingt ja an vielen Punkten verheerend. Besonders die Korkproblematik ist seltsam. Bei dem Punkt mit dem „S“ sage ich bestimmt nichts unbekanntes, dass damit Selektion gemeint ist. Kritikwürdig ist daran bestimmt, dass dieser Begriff in keiner Hinsicht definiert ist. Vielfach meint er Handlese und die Auswahl der besten Trauben. Häufig werden so auch verschiedene Qualitätsstufen innerhalb eines Weinerzeugers abgestuft. Zusätzliche Buchstaben bestimmen dann die Selektion (z.B. bei Duijn: S=Selektion, SD=Selektion Duijn). Bei einer Verkostung ist es aber seltsam, das niemand weis was damit gemeint ist was auf dem Etikett steht. In welche Gesellschaft bist du nur geraten?

  4. @Thomas
    Was ist an den Korken seltsam? Das nur ein Korkton dabei war?

    Deine Bemerkung mit dem „S“ kann so sein muß aber nicht. Ich kenne ein Weingut das verwendet die Bezeichnung SD und meint damit allerdings die Initialen des Winzers. Das es eine Art Selektion sein soll ist den meisten schon klar, das wird halt in Buchstaben ausgedrückt, aber was genau damit gemeint ist weiß halt doch keiner, es sei denn er kennt den Betrieb so gut wie du das Weingut Dujin.
    Ich habe auch schon in einem Weingut gearbeitet, da wurde der Buchstabe S als Anlehnung an die S-Klasse von Mercedes Benz verstanden.
    Es ist also so wie du schreibst, der Begriff ist nicht definiert, deshalb können auch nur Vermutungen angestellt werden. Genau das ist der Punkt den ich kritisiere!!
    Die Gesellschaft war schon in Ordnung, ich würde schon behaupten das dort überdurchschnittliches Weinknowhow vorhanden war. Es war halt keiner dabei der den Winzer kannte und dann mit Bestimmtheit sagen konnte für welches Wort nun der Buchstabe steht.

  5. Na so seltsam dann doch wieder nicht. Bei Rotwein gibt es häufiger Naturkork (auch weil manche Konsumenten den Korkeschmecker bei barriquegelagerten Rotweinen nicht erkennen können). Auch die 3% Korkfehler sind nicht unbedingt verwunderlich, wenn hochpreisige Weine genommen worden. Im Schnitt sind es mehr.

    Meine Kritik der Gesellschaft (die ich gar nicht kenne) betraf eigentlich nur, dass sich niemand vorher Schlau gemacht hat, was mit den Abkürzungen gemeint ist. Ich versuche das immer bei Verkostungen zu machen (auch wenn dies manchmal an einer gewissen Informationszurückhaltung scheitert). Jemand muss ja auch für die Besorgung der Weine zuständig gewesen sein.

    Diese Kritik ersetzt aber nicht im geringsten die Problematik, dass prestigeträchtige Bezeichnungen auf den Etikett stehen, die nicht definiert sind und wo niemand sich sicher sein kann was damit gemeint ist. Offensichtlich haben aber die Weinfreaks damit mehr Probleme, als diejenigen die sich davon angesprochen fühlen oder die die Zielgruppe solcher Bezeichnungen sind. Das ist ja bei den „Alten Reben“ nichts anderes. Jede Rebe ist ja irgendwie alt. Es fragt sich immer nur wie alt. 😉

  6. Als eines der ersten Weingüter, welches dieses „S“ für Selection in Deutschland verwendet hatte… muß Ich hier wohl etwas Aufklärung betreiben…
    Als wir 1985 das Weingut gründeten und unseren Weißen Burgunder und Spätburgunder ins Barrique legten, war dies für Deutsche Verhältnisse eine Art Ungezogenheit.
    Ein Holzton in einem Wein stellte damals einen Fehlton dar, ergo hätte der Wein keine Qualitätsweinprüfung bestanden. Wir mussten die Weine als Deutscher Tafelwein deklassieren. Eine Bezeichnung die die Verwendung von näheren geografische Bezeichnungen und Lagennamen verbietet. In unserem Falle kam der Wein nicht aus Baden sondern vom Oberrhein.
    Im Jahr 1989 vinifizierten wir jedoch einen Weißer Burgunder von einer sehr guten Lage, und wollten diesen Wein nicht zum einfachen Weißen Burgunder zufügen.
    Allerdings durften wir wegen dem Barriqueausbau und dem Deutschen Tafelwein keine Lagen drauf schreiben.
    Nach Rücksprache mit den Behörden gab es nur eine Lösung. Als zusätzliche Kennzeichnung dürfen keine Eindeutige Begriffe verwendet werden. Am besten nur Hieroglyphen oder „nicht identifizierbare Abkürzungen“.
    Und so wurde der Begriff »SJ« für Selection Johner geboren. Viele Jahre lang war der Begriff Selection verboten und wurde erst vor ein paar Jahren für bestimmte Weine zugelassen. Bis dahin mussten sich die Winzer anderweitig behelfen. Wie sollten die Winzer Ihre besseren Varianten aus alten Rebanlagen mit ausgedünnten Traubengut von Ihrer Standardvariante differenzieren… „S“ für Selection oder *** (3 Sterne) oder sonstige Namen war die Lösung.

    Eine etwas veraltete Version dieser Infos über uns gibt es hier: http://www.johner.de/weingut-johner/_Info_fragen.php

  7. Pingback: Wider die Kuschelgastronomie | molekularkueche

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