Unter Feuer – ein außergewöhnlicher Süßwein aus dem Atlantik

Gastbeitrag von Guido Marquardt

weinrallye_200.jpgSo klein und doch so vielfältig: La Palma, am Nordwestrand des kanarischen Archipels gelegen, ist zwar in Nord-Süd-Ausdehnung nicht einmal 50 km und in Ost-West-Ausdehnung an der breitesten Stelle weniger als 30 km groß – und bietet dennoch von Stränden über Kiefernwälder und Lorbeer-Urwald bis hin zu fast 2.500 Meter hohen Gipfeln eine Fülle landschaftlicher Varianten. Für den hier zu besprechenden Wein besonders prägend ist jedoch der Vulkanismus: Erst 1971 brach der Teneguía ganz im Süden der Insel zum letzten Mal aus. Aus diesem Zipfel La Palmas, aus den Llanos Negros, zur kleinen Gemeinde Fuencaliente gehörig, stammt der Malvasía dulce Reserva 1997.

Malvasía (auch Malvasier) ist mehr als eine Rebsorte, nämlich eine ganze Familie, aus der Weiß- und Rotweine, trockene und süße, Still- und Schaumweine hergestellt werden. Die bekanntesten Vertreter sind Süß- und sogar Likörweine: Unter dem Namen Malmsey begegnet uns der Malvasía z. B. im Madeira, auch kommt Malvasía im Vin Santo und im Rivesaltes vor. Ein Vertreter der roten Spielart ist etwa der Frührote Veltliner in Österreich. Dass die Namensgebung griechischen Ursprungs ist, kann darüber schon einmal in Vergessenheit geraten.
Was den Malvasía-Anbau stark zurückgedrängt hat, ist vor allem seine Ertragsschwäche und seine langsame Reife, aber auch seine Charakteristik, die den gegenwärtigen Durchschnittsgeschmack nicht trifft.

Der auf La Palma anzutreffende Malvasía gehört der Sorte Vitis Epidaurica an, entstammt ursprünglich der Insel Madeira und wird auf den Kanaren seit 1676 angebaut. Die Ranken sind wenig verzweigt und sieben Augen lang, die Trauben sind langgestreckt mit amberfarbenen Beeren. In einer Höhe von 300 bis 500 Metern wächst der Malvasía auf einer Fläche von rund 6 ha; die Rebstöcke sind im Schnitt über 60 Jahre alt. Eine Besonderheit des Weinbaus auf La Palma ist, dass die Ranken nicht an Spalieren gezogen werden, sondern direkt auf dem Boden liegen. Ein einzelner Rebstock beansprucht somit eine Fläche von mehreren Quadratmetern. Da die Südwestküste La Palmas ohnehin sehr sonnenexponiert ist, kann man sich leicht vorstellen, welchen Bedingungen der Wein ausgesetzt ist, wenn er sich auf dem schwarzen Vulkangestein ausbreitet. Diese Lavakiesschicht ist bis zu fünf Meter dick – entsprechend tief müssen die Rebstöcke wurzeln, um an Mineralstoffe aus dem Boden zu gelangen. Feuchtigkeit ist durchaus auch im Lavakies gespeichert, daher sind die Wurzeln nicht nur tief, sondern auch weit verzweigt.

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Die Bodegas Teneguía, die Weinkooperative Llanovid (lt. Wikipedia mit 200 Mitgliedern, 800 ha Rebfläche und einer Produktionsmenge von 2 Mio. Litern im Jahr), stellt die qualitative Spitze des palmerischen Weinanbaus dar. Doch selbst in diesem Haus ist der Malvasía eine rare Spezialität, während er bis ins 19. Jahrhundert mit großem Erfolg angebaut und vor allem nach England exportiert wurde. Den überwiegenden Teil nehmen einfachere Weiß-, Rot- und Roséweine ein, z. B. aus den Rebsorten Listán und Negramoll. Andere Erzeuger bieten sogar Exotika wie einen geharzten Rotwein an – für die meisten mitteleuropäischen Gaumen eine recht befremdliche Angelegenheit.

Doch nun endlich zu unserem Malvasía! Die Flasche ist aus Weißglas, der Inhalt schimmert dunkel bernsteinfarben, und das Etikett weist einen Alkoholgehalt von 14,5% Vol. aus. Da ist man gedanklich fast schon beim Sauternes, zumal auch der Preis von rund 35 EUR (dies ist der mit weitem Abstand teuerste Wein der Bodegas Teneguía) einen solchen Vergleich nahelegt. Das ist jedoch schnell vergessen, wenn man zum ersten Mal die Nase ins Glas hält: Man denkt unwillkürlich ein wenig an Sherry, und macht sich erst einmal Sorgen, ob der Genusshöhepunkt hier wohl bereits überschritten sein könnte. Trockenobstaromen gesellen sich jedoch hinzu, und auch eine leichte Nussigkeit macht wieder Mut, den Wein zu probieren. Im Mund fällt sofort die Öligkeit des Malvasía auf, die jedoch nie ins Schmierige abgleitet. Die Backobstnoten sind auch bald wieder da, und zwar mit allen Komponenten: getrocknete Äpfel, Pflaumen und auch Aprikosen, später noch Rosinen. Natürlich ist der Wein sehr süß, aber dabei durchaus klar, nicht klebrig. In der Mitte offenbart er eine erstaunliche Säure, die seine Harmonie stärkt, und eine winzige Lösungsmittelnote ist bei hochwertigen Süßweinen ebenfalls nichts Ungewöhnliches. Dabei ist er aber kein bisschen brandig oder scharf. Wenngleich nicht allzu komplex im Aromenspektrum, ist die Länge des Malvasía wiederum atemberaubend. In der Charakteristik wirkt er tatsächlich wie der Verwandte eines hochwertigen Madeiras oder Cream Sherrys.
Wie diese hat auch der Malvasía übrigens nach einem Tag in der angebrochenen Flasche noch nichts von seinen Qualitäten eingebüßt. Die empfohlene Trinktemperatur von 4 bis 6 Grad Celsius ist plausibel. Schwieriger stellt sich dagegen die Frage nach der passenden Begleitung dar. Für einen echten Dessertwein wirkt er doch etwas zu schwer; vielleicht wäre ein Topfkuchen einen Versuch wert. Am besten genießt man den Malvasía aber vermutlich als Solisten und sinniert dabei ein wenig über die einmalige Kombination aus alter Rebsortengeschichte, traditionellem Anbau und aktivem Vulkangestein. Salud!

Wikipedia zum Thema La Palma

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2 Responses to Unter Feuer – ein außergewöhnlicher Süßwein aus dem Atlantik

  1. M. J.

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  2. Oliver Kaiser

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