Weinrallye #34 – „So ein Käse….!“

 weinrallye__34.jpgDer nachfolgende Artikel ist ein GAstbeitrag von peter Züllig der sich als Gast an dieser Weinrallye beteiligt. Die Weinrallye #34 wurde hier im Winzerblog ausgerufen, nähre

„So ein Käse….!“ Von Peter Züllig
Wann immer die Glöcklein an meiner Haustür erklingen, steht ein unerwarteter Besuch im Flur. Menschen, die ich schon langer nicht mehr gesehen habe, die vielleicht nur selten bei mir anklopfen, auch viele Weinfreunde, die ich nicht persönlich, nur aus Internet-Beziehungen kenne. Sie benützen alle das alte Klingelrad und nicht die moderne elektrische Variante. Der Postbote, die Hausierer, meine Nachbarn und die nächsten Bekannten wissen, dass der mechanische Glockenton mich weder im Keller bei den Weinen, noch im Estrich bei meinen Sammlungen und schon gar nicht im Büro (vor dem Computer) erreichen kann. Nur Gäste mit einer romantischen Ader und ohne die Erfahrung des Wartens (vor der geschlossenenTüre) wagen es, ihr Erscheinen mit differenzierten Glockentönen anzukünden.

Ungewohnte Hausglocke, untrügliches Zeichen für unerwartete  BesucheWann sich auch immer das Rad bei der Türe dreht, entsteht Hektik in unserem Haus. Was stelle ich meinen – meist unerwarteten – Gästen auf? Natürlich einen Wein, denn ich bin ja Weinliebhaber und –sammler, das weiss man doch. Aber welchen Wein? Mit dem Versuch: Schweizer-Wein, Languedoc oder sonst etwas, das mich gerade weinmässig beschäftigt, bin ich schlecht gefahren. Von einem Bordeauxsammler erwartet man nichts anderes als Bordeaux. Und schon ist das nächste Problem da: Was darf es denn sein? Oft bin ich nicht im Moment nicht im Haus und meine Frau muss den kühnen Griff wagen. Oder dann, wenn ich da bin, kann ich nicht zuerst meine Excel- und Access-Daten nach dem „richtigen“ Wein durchkämmen.

Doch dafür haben wir einer Lösung gefunden: Es gibt in einem Bereich der Weingestelle grüne Punkte. Hier kann man nach Herzenslust hineingreifen, diese Weine sind „freigegeben“, in allen Listen bereits ausgetragen und das Beurteilungsblatt liegt bereit. Sogleich taucht aber das nächste, schon fast existenzielle Problem auf. Was wird zum Wein serviert? Einfach nichts, wie zu Beginn der damals für uns noch ungewohnten Situation bei spontanen „Weingästen“?

Oder einfach die „Chnuspermischung“ aus einer Tüte des schweizerischen Traditionsunternehmens „Hug“, das „im Herzen der Schweiz zu Hause ist.“ Süss oder salzig, geschmacksneutral oder biologisch? Wir wohnen auf dem Land mit einem einzigen Dorfladen. Der ist inzwischen zwar ordentlich gross, doch die Auswahl bleibt halt doch beschränkt.
Eigentlich stehe ich auch gern in der Küche, aber nur wenn ich Zeit und Musse habe. Jetzt verlangen die Gäste meine volle Aufmerksamkeit und Präsenz. Tapas, haben mir es angetan: von den „Rucki-Zucki-Pizzaschnecken, über gefüllte Champignons bis zu Garnelenspiesse mit Datteln. Meiner Phantasie sind da keine Grenzen gesetzt, es seien denn die Grenzen der Köstlichkeit. Damit löst sich aber mein Problem nicht: Was kommt so kurzfristig zum Wein auf den Tisch? Und siehe da: der Rest meines „Schweizertümmeltums“ hat mir (für einmal) geholfen. Was sind kulinarische Köstlichkeiten aus der Schweiz? Natürlich Schokolade und Käse. Mit der Schokolade habe ich es bisher noch nicht probiert. Irgendwie scheint mir dies eine Scheinehe zu sein: aus der Nützlichkeit geboren. Scheinehen werden hier streng geahndet. Also versuche ich es mit Käse. Und siehe da: Der Erfolg ist  beeindruckend. Aus der Zwangsehe ist eine Liebesheirat geworden.


Seither ist alles anders. Wenn die Glocken an der Haustür erklingen, werfe ich zuerst einen Blick in den Kühlschrank. Ist noch Käse da? Wenn nicht, dann ist der Gang zur Käse-Ecke im Dorfladen programmiert. Was soll es denn heute sein? Ein Hartkäse, Emmentaler zum Beispiel, zu einem weichen, schlanken, femininen St-Emilion, Châteaux Dassault 1988. Ein Weichkäse, zum Beispiel Brie, da kommt in mir ein Figeac hoch, mit fülligem Charme und ordentlichen Tanninen, vielleicht sogar der grossartige 1998er.  Gestern, an einer Degustation mit Essen, wurde ein Bündner Bergkäse zu einem Pinot Noir aus der Bündner Herrschaft serviert. Grossartig! Um beim Bordeaux zu bleiben: Ich kann mir einen Pauillac vorstellen, den pfeffrigen Duhart-Million 1995, der an Dörrfrüchte gemahnt und in den Gerbstoffen eher trocken ist.

All die üblichen Klischees von „passt und passt nicht“ habe ich seither in Bezug auf Käse und Wein über Bord geworfen. Viel wichtiger ist die richtige Dosierung: wann ein Schluck Wein, wann ein Biss Käse. Es muss ja auch nicht alles immer gleichzeitig sein und nicht in der gleichen Fülle. Ob Appenzeller, Berglau, Couronne, Délice du Venoge, Edelwyss …. Vacherin, Wällechäs oder gar Ziger (auf Brot). Sie alle finden – wenn das Herz offen ist und die Lust zum Probieren gross, einen Wein, der dazu passt. Kommt dazu das Brot (Brot und Wein): frisches, aus der Dorfbäckerei, dann ist die Verlobungen, Vermählungen und Hochzeiten am Küchentisch (einen Stubentisch gibt es bei uns nicht, der ist mit Dokumenten zum Archivieren belegt) vorprogrammiert. Das Brautkleid ist dann zwar oft mit Weinflecken, Brotkrümeln und Käsereste befleckt. Macht nichts! Eine gute Erinnerung bleibt, nicht selten die Erinnerung an einen gesitteten Polterabend direkt an den Traualtar führt

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