Weinproben

Heute waren 21 Japaner zur Weinprobe angemeldet. Sie kamen superpünktlich, die Armen wurden seit dem frühen Morgen durch Deutschland geschaukelt und hatten exakt eine Stunde Zeit, um 8 Weine zu probieren. Normalerweise brauchen wir dafür min. 2 Stunden!! Überraschend war für mich, dass ich wohl ein falsches Bild von deren Geschmack hatte, kamen doch der trockene Grauburgunder und der Weißburgunder Barrique genauso gut an, wie die halbtrockene Riesling Spätlese und die süße Kerner Auslese. Im Laufe der Weinprobe kamen mir aber doch einige Zweifel, ob denen wirklich alles schmeckt, oder ob sie vor lauter Freundlichkeit mit einem Lächeln auf dem Gesicht unsere Weine hinunterstürzen. Ich weiß nicht, aber ich persönlich tue mich schwer mit dem Einschätzen der Asiaten. Bei anderen Völkern ist die Resonanz auf die Weine immer recht eindeutig. Wenn einem Engländer der Riesling zu herb ist, schüttelt er sich und tut dies auch kund. Die sind recht spontan. Die Schweizer sind diplomatisch und kommentieren, was sie gerade probieren. Die Holländer sind freundlich und loben auch mal, wenn ihnen etwas besonders gut schmeckt. Wie die Skandinavier, sind auch die Holländer begeisterte Weinkäufer nach der Weinprobe. Interessant sind Weinproben vor allem mit Franzosen, die eigentlich immer überrascht scheinen, dass ihnen auch eine halbtrockene Riesling Spätlese schmecken kann. Manchmal habe ich das Gefühl, es ist ihnen peinlich. Es ist immer wieder eine besondere Herausforderung, Menschen anderer Kulturen mit unserem Produkt zu beglücken. So ist es für Personen aus Korea einfach normal, eine komplette Weinprobe auf Video aufzuzeichnen. Es ist zu Beginn einer solchen zwar ein etwas sonderbares Gefühl, nicht in 20 interessierte Gesichter zu blicken, dafür aber in 20 laufende Kameras. Doch selbst daran gewöhnt man sich nach einiger Zeit. Das Tollste aber war eine Gruppe aus Bayern, die interessiert, begeistert und angeregt der Weinprobe lauschten und auch viele Fragen stellten. Nach Ende der Probe kam der Leiter der Gruppe zu mir, bedankte sich und stellte mir die Frage, ob sie, die Gruppe, nun ein bisschen harmonisieren dürften. Nichts ahnend, was die Herrschaften unter harmonisieren verstehen, erlaubte ich es natürlich. Was geschah? Ca. 15 Mann standen auf, rannten zum Bus und holten große Koffer aus den Tiefen dieses Gefährts hervor, die sie sogleich in der Probierstube entpackten. Binnen weniger Minuten sah ich mich einer bayrischen Musikgruppe gegenüber. Die Tuba war am schnellsten und schmetterte mir sogleich ihren ersten musikalischen Gruß entgegen. Phantastisch, das Weingut bebte, die Gläser tanzten auf dem Tisch, die Jungs soffen unseren Wein wie zuhause das Bier. Für mich eine der schönsten Weinproben, die ich je erleben durfte. Die meisten Weinproben verlaufen ja positiv, in dem Sinne, dass alle Beteiligten ihren Spaß daran haben. Manchmal aber kann es auch zu einem Desaster ausarten. So geschehen vor vielen Jahren, als ich eine schwäbische Landfrauenvereinigung zu Gast hatte. Das war mir schon von vornherein unheimlich. Die schrecklichen Ereignisse nahmen ihren Lauf. Dass die Heizung ausfiel, konnte ich noch mit einigen Gläschen Schnaps hinbiegen, aber als es zum Essen kam, war die Hölle los. Wir verteilten die Brotkörbe auf den Tischen und gingen zurück in die Küche, um die Vesperplatten zu holen. 30 Sekunden später, während wir die Vesperplatten auf den Tischen platzierten, stellten wir fest: das Brot ist schon alle!!!!!! Die hatten in wenigen Sekunden das ganze Brot weggeputzt, das zum Essen geplant war. Es war nicht spät am Abend, die Leute waren nicht ausgehungert, hier lief irgendetwas anderes schief, doch wir hatten keine Ahnung was. Zum Vesper waren 4 Scheiben Brot kalkuliert, zur Weinprobe nochmal dieselbe Menge, also wirklich üppig, und in unzähligen Weinproben konnte noch nie eine Gruppe das angebotene Brot vollends aufbrauchen. Schnell wurde neues organisiert, in wenigen Minuten stand es auf dem Tisch und dann beobachteten wir das Unglaubliche. Aus den Tiefen der Handtaschen zauberten die Damen viele bunte kleine, manchmal aber auch unglaublich große Tupperdosen hervor, in die sie Brot und andere Vesperwaren hineinpackten. Gleichzeitig kamen die ersten Beschwerden darüber, dass auf einigen Tellern mehr Käse war als auf den anderen. Eine der Damen hatte statt 3 Essiggurken nur 2 bekommen, die nach Gewicht sicherlich das Doppelte wogen als die 3 Essiggurken der anderen Teller, aber es waren halt nur 2 Essiggurken. Die Hölle brach über mich herein. Der Spaß an der Weinprobe war allen vergangen, und es war mir nicht mehr möglich, irgendwie eine positive Stimmung hinzubekommen. Kein Wunder, denn selbst die winterliche Tischdekoration – unter anderem bestehend aus Äpfeln und Nüssen – wurde sogleich verpackt. Am anderen Ende der langen Tafel bildete sich zeitgleich ein kleiner Tumult, denn dort wurde gerade ausdiskutiert, wem die übrig gebliebenen Vesperteller zustünden. Dass diese für mich und meine mir beim Ausschank behilflichen Damen waren, schien niemandem in den Sinn zu kommen. War ja eh schon egal. Mir war klar, diese Geschichte würde ein Nachspiel haben, bei dem ich nicht gut aussehen konnte. Tatsächlich, am nächsten Tag klingelten die Telefone der Chefetage, der Metzger, der die Teller angerichtet hatte, musste anrücken und auch ich wurde in das Besprechungszimmer gebeten. Der Metzger erklärte, dass er nicht in der Lage sei, 60 exakt gleiche Vesperteller zu richten, zumal in vielen Jahren zuvor sich noch nie jemand über Zusammenstellung der Vesperteller beschwert habe. Im Gegenteil. Das Ende des Liedes war, dass die Landfrauenvereinigungsvorsitzende eine Entschuldigung verlangte, die ich nicht zu geben bereit war, denn schließlich waren die Tupper ja nicht von mir. Nichtsdestotrotz, der Kunde ist König. Nachdem mir mein damaliger Chef zusicherte, das ich nie mehr Landfrauenweinproben halten müsse, habe ich einen Schrieb aufgesetzt, in dem ich mich für die ausgefallene Heizung entschuldigte sowie versprach, mit dem Lieferanten des Vespertellers ein ernstes Wörtchen über seine Vespertellerzusammenstellung zu reden. Seitdem halte ich keine Weinproben mehr, bei denen ich nicht genau weiß, wer kommt, wer bestellt, was erwartet wird. Für schwäbische Landfrauenvereinigungen habe ich leider keine Termine frei – nie mehr!! Aber bitte jetzt nicht denken, ich hätte etwas gegen schwäbische Landfrauenvereinigungen. Mitnichten, ich mach nur keine Weinproben mehr mit ihnen. Doch zurück zu den Japanern. Es wurde rege quer durch das Sortiment gekauft, jeweils ein bis drei Flaschen. Witzig war, dass mehrere Japaner in ihrem schrecklich schlechtem Englisch fragten: „What is your best and most expensive wine?“ „Riesling Icewine, 40 Euros per bottle, but very small bottles!!“ war meine Antwort. Das war denen egal, sie wollten unbedingt Eiswein mit nach Japan nehmen. Für die Japaner ist Eiswein der Inbegriff deutscher Weinkultur. Wie auch immer, es hat Spaß gemacht, diese Gruppe zu unterhalten. Zum Abschluss gab mir jeder persönlich die Hand und überreichte mir seine Visitenkarte, meine wurde ebenfalls freudig entgegengenommen und in einer Art Visitenkartensammeletui verstaut. So bin ich jetzt stolzer Besitzer von 21 Visitenkarten, die ich nicht lesen kann. Freundlicherweise haben sie ihre Kärtchen mit den Zeichen für männlich oder weiblich versehen, damit wir später wenigstens noch wissen, ob es eine Frau oder ein Mann war, welche(r) uns diese Visitenkarte überreichte. Die Faszination der Reste. Fast in jeder Weinprobe wird meist mit einem Lächeln gefragt, was denn mit den Resten geschehe, die sich im Laufe der Weinprobe im großen Sammelglas in der Mitte des Tisches oder im Spucknapf wiederfinden. „Leeren Sie das wieder zurück in das Fass?“ oder „Das kann man als Rosé Spätlese verkaufen, schmeckt sicherlich ausgezeichnet!“ Nein, nein nichts von alledem geschieht!! Abgesehen von der oben erwähnten bayrischen Gruppe, welche sich das Sammelsurium in Flaschen abgefüllt und mitgenommen hat, entsorge ich die Reste vom Tisch im Gulli. Die Reste in den Ausschankflaschen werden der besten nur möglichen Verwertung zugeführt: diese werden von uns im Laufe des Folgetages zum Mittagessen und Abendessen getrunken. Grundsätzlich sind Weinproben eine willkommene Gelegenheit, das eigene Produkt vorzustellen und dafür Werbung zu machen. Die Vorbereitungen laufen stets in aller Ruhe ab, alles Eindecken, Vorprobieren und überlegen, was man heute erzählen will. Hektik kommt nur auf, wenn man mit Gummistiefeln im Keller steht, in aller Ruhe seiner Arbeit nachgeht und plötzlich ein doppelstöckiger Bus in der Hofeinfahrt parkt. Was wollen die? Zu uns? Weinprobe? Jetzt, hier und heute? Hektisches Agieren ist angesagt, egal, wer es verbockt hat, denn die offensichtlich angemeldete Gruppe darf nichts merken! Der Seniorchef muss ran und die Gruppe mindestens eine halbe Stunde lang durch Weinberg und Keller führen, ich geh duschen und umziehen, währenddessen die Damen des Hauses flugs eindecken und Brot schneiden. Aus allen im Weingut befindlichen Kühlschränken wird versucht, genügend temperierten Weißwein zusammenholen, und wenn es nicht reicht, gibt es eben mehr Rotwein. Irgendwie bekommt man es immer wieder hin, dass alles glatt läuft. Gott sei Dank.

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